Silodenken aufbrechen: Stakeholder verstehen, die man nie sieht

In den ersten drei Teilen dieser Reihe haben wir den Schmerz identifiziert, eine Vision gebaut und die Hürden beim Customer Success beleuchtet. Doch selbst wenn Sie alles richtig machen, gibt es einen lautlosen Killer für jeden Deal: Die unsichtbaren Silos.

Dr. Jens Erasmus hat im Podcast ein Bild gezeichnet, das viele Software-Anbieter schmerzhaft unterschätzen. Er spricht nicht nur von den Silos auf Anbieterseite (Sales vs. CS), sondern vor allem von der hochkomplexen Stakeholder-Landschaft in einem Konzern. Wer glaubt, er verkaufe „eine Lösung für ein Problem“, hat oft schon verloren. Denn in Wahrheit lösen Sie für fünf verschiedene Abteilungen fünf verschiedene Probleme.

Die Illusion des „einen“ Entscheiders

„Es gibt nicht den einen Entscheider“, sagt Jens. Im B2B-Umfeld, besonders in der Industrie, haben wir es mit einem „Buying Center“ zu tun. Oft fokussieren sich Verkäufer auf den IT-Einkauf oder den Budgetverantwortlichen. Doch der wahre Wert einer Software entscheidet sich oft in Abteilungen, die beim ersten Call gar nicht am Tisch sitzen.

Jens illustriert dies am Beispiel der Halbleiter-Krise:

  • Der Einkauf will Liefersicherheit.

  • Die Logistik will weniger Lagerplatz (Warehouse-Kosten) beanspruchen.

  • R&D (Forschung & Entwicklung) will keine Zeit mit Notfall-Redesigns verschwenden.

  • Der Vertrieb will wissen, welche Produkte er dem Endkunden überhaupt zusagen kann.

Die „Antennen“ ausfahren: Den versteckten Value finden

Das Problem vieler „Seller“: Sie rastern ihr Gegenüber nach einem festen Schema ab. Jens nennt das einen „Head Scratcher“. Er hat oft erlebt, dass Stakeholder im Gespräch wertvolle Hinweise geben – zum Beispiel, dass Lagerplatz gerade extrem teuer und knapp ist –, aber der Software-Anbieter diesen Ball nicht aufgreift.

„Ich verstehe wirklich nicht, warum da nicht die Antennen ständig ausgefahren sind“, wundert sich Jens. Wenn der Logistikleiter sagt, dass er Platzprobleme hat, ist es fast egal, was die Software kostet. Wenn Sie ihm beweisen, dass er durch bessere Planung kein neues 10-Millionen-Euro-Warehouse bauen muss, ist Ihr Lizenzpreis von 100.000 Euro ein absoluter No-Brainer.

Aber: Dafür müssen Sie erst einmal zuhören und das Silo des Logistikers verstehen.

Das „Schlaf-Argument“: Die Psychologie der Werkleiter

Ein weiteres Beispiel von Jens zeigt, wie tief man in die operative Welt eintauchen muss: Ein Anbieter wollte digitale Arbeitsanweisungen für die Produktion verkaufen und sprach mit der Qualitätsabteilung. Jens’ Rat: „Redet mit den Werkleitern!“

Warum? Weil Werkleiter seit 30 Jahren mit dem Handy neben dem Bett schlafen. Das unschlagbare Argument für die Software war nicht „bessere Dokumentation“, sondern: „Dein Handy wird nachts um 4 Uhr nicht mehr klingeln, weil jemand ein Wartungsintervall verpasst hat.“

Das ist Value, der Silos durchbricht. Das ist die Sprache der Menschen, nicht der Maschinen.

Wie man Silodenken im Sales besiegt

Um erfolgreich zu sein, müssen Anbieter lernen, die Fäden zwischen den Abteilungen des Kunden zu spinnen:

  1. Stakeholder-Mapping: Wer ist betroffen, auch wenn er nicht im Meeting sitzt?

  2. Hypothesen-basiertes Fragen: „Wir haben bei ähnlichen Kunden gelernt, dass die Logistik oft unter X leidet. Ist das bei Ihnen auch ein Thema?“

  3. Cross-Silo-Storytelling: Erzählen Sie dem CFO nicht nur von Effizienz, sondern wie Sie dem Werkleiter den Schlaf und dem R&D-Team die Innovationskraft zurückgeben.

Fazit: Werden Sie zum Brückenbauer

Silos aufzubrechen bedeutet, die Antennen auszufahren und den Mut zu haben, den Standard-Pfad zu verlassen. Wenn Sie verstehen, wie die verschiedenen Zahnräder im Konzern Ihres Kunden ineinandergreifen, verkaufen Sie keine Software mehr – Sie verkaufen eine unternehmensweite Transformation.

Im nächsten Artikel unserer Reihe:

Vom Versprechen zur harten Währung. Wie schaffen wir den Weg vom Sales-Pitch hin zur tatsächlichen Wirkung in der P&L? Wir blicken auf die „Value Realization“ und unsere End-to-End-Methodik.

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Die unsichtbare Mauer: Warum Customer Success oft scheitert